
NIŌ taiko
仁王
Mantra – der Niō spricht:
水 – „Ich verwandle alles wie Wasser und befreie dich.“
木 – „Ich bin lebendig wie Holz und gebe dir Atem.“
火 – „Ich brenne wie Feuer, löse alles auf und hebe es in einen höheren Zustand.“
土 – „Ich bin nahrhaft und süß wie Erde und gebe dir dein Herz.“
金 – „Ich bin wahrhaftig und stark wie Metall und beschütze dich.“
Wir Niō stehen an einer Schwelle. Das bedeutet schon unser Name: niō mon 仁王門 ist das Tor, an dem wir stehen und alle negativen Energien abwehren.


Das Herz des Niō
ist wie Wasser: es kann jede Form annehmen – es ist ein flinker Regentropfen, ein rasender Gebirgsbach, eine wohlwollende Nebelwolke, eine tosende Meereswelle, ein ruhiger See, ein donnernder Wasserfall, es nimmt die Form des Glases an, es durchtränkt die Erde, es nährt das Holz, es verdampft im Feuer, es strebt dem Erdmittelpunkt zu. Befolge wie das Wasser die Regeln der Einfachheit, Balance und Nützlichkeit. Daher heißt es: Mizu no kokoro (水の心) − ein Geist wie Wasser.
Der Niō sieht zuerst mit seinem Geist, dann mit seinem Körper. Sein Geist und sein Körper sind in perfekter Harmonie. Er kennt den rechten Zeitpunkt und sein Herz ist offen. Sein Herz ist beweglich wie Wasser und klar wie ein Diamant. Geist und Körper sind von Natur aus Eins. Sie sind wie Schlag und Klang, Anfang und Ende.
Wagt es, die Dämonen in euch zu sehen!
Wagt es, das Göttliche in euch zu finden!
Agyō und Ungyō – Anfang und Ende
Die beiden Niō sind Götter (dharmapāla), die das Eingangstor von buddhistischen Tempeln bewachen. Sie wehren böse Geister ab, die am Betreten der Tempelanlage gehindert werden sollen, ebenso alles Negative, Unmenschliche. Die Niō sind wilde, zornerfüllte Krieger, obwohl sie „Wohlwollende, erhabene, barmherzige Könige“ heißen. Sie sehen furchteinflößend, finster und zornig aus, haben muskulöse Körper, eine ausdrucksstarke Haltung und einen wilden, abschreckenden Gesichtsausdruck mit glühenden Augen. In ihren löwenartigen Mähnen tragen sie Kronen. Sie sind Wächter der buddhistischen Gesetze und zornige Manifestation des Bodhisattva Vajrapāṇi.
仁王 – im Zeichen der Niō sind Menschlichkeit und Milde geborgen:
二 ni steht für zwei, ⺅ für Mensch. Zusammengesetzt als 仁 (にん): nin oder jin bedeutet es Menschlichkeit, Güte, Humanität, Mitgefühl, Wohlwollen, Tugend, Mensch, Kern, Überlegung.
王 (おう) bedeutet ō ‒ groß, Jade, Stein, Herrscher, König, Souverän, Meister.
Die Niō treten meistens paarweise als Agyō und Ungyō auf und sind jeweils mit einem kosmischen Klang verbunden:
Agyō (阿形), auch Misshaku Kongō (密迹金剛, sanskr. Vajrapāṇi) genannt, rechts vom Tor stehend, hat den Mund geöffnet und invoziert das Mantra „A“, die erste Silbe des Sanskrit-Alphabets, das Ungeborene, die Geburt, Anfang und Werden bedeutet. Er ist ein Symbol radikaler Gewalt, die aggressive Variante mit wilder Kraft, gefletschten Zähnen und erhobener Faust mit dem alles zerschmetternden kongō shō (vajra). Mit dieser Geste zerstört er Unwissenheit und Verblendung, wobei die andere Hand das Böse nach unten drückt. Agyō wird meist in der Farbe rot dargestellt.
Ungyō (吽形), auch Naraen Kongō (那羅延金剛, sanskr. Nārāyana) genannt, links vom Tor stehend, hält den Mund fest geschlossen, vokalisiert das Mantra „Un“ (Hum), die letzte Silbe des Sanskrit-Alphabets bzw. N, den letzten Buchstaben des japanischen Alphabets, und steht somit für Vergehen, Ende, Tod, aber auch Ermöglichen, Neu-Erschaffen. Er verkörpert die abwehrende Variante mit latenter, zurückhaltender Kraft, die Arme angespannt, aber gesenkt. Seine rechte Hand ist spannungsgeladen in Erwartung einer notwendigen Abwehrreaktion gesenkt und die linke zu einer Faust geballt, hält er erbenfalls einen kongō in der Hand. Mit seiner grimmigen Ausstrahlung hält er negative Einflüsse fern. Er wird meist in der Farbe blau dargestellt.
Zusammen ergeben sie das Mantra Aun (オン, Om), Anfang und Ende, die Gesamtheit aller Dinge, das Universum, den kosmischen Tanz von Existenz und Vergänglichkeit, das Ineinanderwirken von Leere und Form, wie es im Herz-Sutra beschrieben wird: „Form ist nichts anderes als Leere, und Leere ist nichts anderes als Form.“
Die Niō sind mit einem vajra (jap. 金剛, kongō), dem diamantenen Donnerkeil mit ein bis fünf zugespitzten Zinken-Enden, bewaffnet. Er symbolisiert den diamantharten Weisheitsgeist. Von diesem vajra leiten sich auch weitere Bezeichnungen ab, etwa Kongō rikishi (金剛力士), die „Mächtigen Könige der diamantenen Wirklichkeit“, oder, zusammen als eine Figur, Shukongōshin (執金剛神), der „Vajra-schwingende Gott„.
Die Bedeutung der Zeichen von 阿形 (Agyō):
阿 a
口 ku – Mund öffnen, Klang, Sprache, Einschluss
田 Feld
衣 Gewand
形 kata, katachi, kei, nari – Form, Erscheinung
彡 Feder
廾 zwei Hände
Die Bedeutung der Zeichen von 密迹金剛 (Misshaku Kongō) aus sanskr.: Vajrapāṇi:
密 mitsu – Dichte, Geheimhaltung, Vorsicht
宀 Dach
心 Herz, Geist
山 Berg, Klippe
迹 ato – Eindruck, Zeichen, Markierung
亠 Kopf, oben, Mitglied
足 Fuß, gehen
赤 rot, bloß
止 stoppen
口 geöffneter Mund
金剛 siehe kongō
Die Bedeutung der Zeichen von 吽形 (Ungyō):
吽 un – Un (bellen, knurren)
口 ku – Mund öffnen, Klang, Sprache, Einschluss
牛 gyuu – Kuh, Ochse
形 kata, katachi, kei, nari – Form, Erscheinung
彡 Feder
廾 zwei Hände
Die Bedeutung der Zeichen von 那羅延金剛 (Naraen Kongō) aus sanskr., m., नारायण Nārāyana (Diamant):
„ewiger Mann“, „Menschensohn“ oder
„der aus dem Wasser Kommende“
金剛 siehe kongō
金剛 kongō, auch kongō-sho (金剛杵) ist die unzerstörbare Substanz, außergewöhnliche Härte, ein Diamant, ein diamantener Donnerkeil, unwiderstehliche Kraft.
Die Zeichen bestehen aus:
金 Gold, Metall
丷 Gras, Pflanze
人 Mensch
ハ acht, teilen
王 Jade, Stein, König, Ball
剛 Härte
山 Berg, Klippe
冂 Wildnis
丷 Gras, Pflanze
⺉ Messer, Schwert, schneiden
Die Niō schützen dich mit aller Macht vor dem, was dich, deine Seele, deinen Körper, deinen Geist bedroht. Während Agyō die bösen Geister vertreibt, bewahrt Ungyō die guten Geister im Inneren. Sie schützen insbesondere gegen:
- Angriffe von außen: Naturgewalten, feindliche Angriffe, aber auch Übernatürliches
- innere Hindernisse und Dämonen: körperliche oder geistige Blockaden, Illusionen, Verblendung, Zorn, Ignoranz, Habgier, Anhaftung, sowie
- geheime Hindernisse: Depressionen oder geistige Blockaden, böse Geister und Dämonen.
Agyō ist der wilde, unbezähmbare Geist. Er ist das Wollende, der Bauch, das Feuer, der Erschaffende, die Zartheit, das ins Leben Stürmende, der Schrei. Ungyō ist der Zähmende, die Gewalt, der Sinn, der Wille, das Herz, die Glut, der Zorn, der Zerstörende, der Heilende. Agyō ist Form, Ungyō ist Leere. Agyō ist der Angriff, Ungyō ist die Abwehr. Agyō ist die Bewegung, Ungyō ist die Stille.
Agyō und Ungyō, die beiden mächtigen Krieger, verkörpern ständige Bewegung, Werden und Vergehen in einem unendlichen Kreislauf. Agyō übernimmt das Vergangene von Ungyō, führt es weiter ins Leben hinein, übergibt es an Ungyō, der es zu Ende führt und hinüberbegleitet ins Neue. Anfang und Ende, Werden und Vergehen, Schmerz und Freude, Bewegung und Stille, Zorn und Gleichmut, Paradies und Hölle bilden keinen Gegensatz, sondern sind dasselbe.
Lasse die Sonne sich am Horizont erheben – gleißend, lebensspendend, endgültig.
Quellen: Suzuki Shōsan, Du wirst sterben. Der Zen-Krieger II (Frankfurt a.M. 2001). https://en.wikipedia.org/wiki/Nio https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Waechtergoetter/Nio https://www.onmarkproductions.com/html/nio.shtml http://www.thangka.de/Icono/DYamanta.htm https://www.japandict.com
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